Da ich es nun geschafft habe, doch wieder zu schreiben, veröffentliche ich auch nochmal die Rundmail, bevor ich meine Berichterstattung fortsetze.
Die Zugfahrt von Shanghai hierher war viel weniger schlimm als befürchtet, die Hardseater sind wohl tatsächlich im Schnellzug weniger hart als üblich, und zudem hatte ich mich mit der Fahrtzeit vertan: nur 15 Stunden anstelle von 17 Stunden war ich unterwegs. Ich war sogar in einem 6er Abteil untergebracht, welches quasi wie ein Schlafwagen war, nur dass man auf den "Betten" nicht lag, sondern saß. Die unteren Betten waren zum Sitzen, die oberen fürs Gepäck. Einer meiner Mitfahrer war jedoch so klug, sich gleich zu Anfang einen Platz auf einem der oberen Betten zu sichern, sodass er dort des nachts in Ruhe schlafen konnte.
Meine übrigen Mitfahrer waren eine chinesische Familie mit Oma, Mama, Papa, Tochter und Sohn. Alle waren sehr nett und deshalb hat es mich auch wenig gestört, dass sie üblicherweise recht laut waren. Das ist ohnehin ein krasser Unterschied, den ich hier zu Deutschland wahrnehme: Bei uns versucht man in der Öffentlichkeit eher, nicht zu sehr aufzufallen, man gibt sich zurückhaltend, möchte die anderen nicht "stören", vor allem nicht in sehr begrenzten Räumen wie Bus, Straßenbahn und Zug. Die Chinesen dagegen juckt das zum Großteil überhaupt nicht, die sind (für mein Empfinden) immer relativ laut und niemand scheint sich daran zu stören. Die Familie in meinem Abteil hat mich aber auch nicht gestört, zudem war die Kleine (drei oder vier Jahre alt) unheimlich niedlich und aufgeweckt. Am Anfang zog sich die Zeit doch ganz schön, je länger wir unterwegs waren, desto schneller schien sie jedoch zu verfliegen; als es schließlich morgens um sechs war, ging alles ganz fix und dann waren wir auch schon in Chengdu angekommen.
Um den gerade angefangenen Tag so gut weiterzuführen, wie er angefangen hatte, wurde ich am Bahnhof von Wieland abgeholt, der mich zu einem leckeren Frühstück in seine und Malinas Wohnung brachte. Es war sehr schön, in dieser neuen Stadt, in der ich erst einmal ganz allein war, bald bekannte Gesichter zu sehen. Leider hatten wir nicht mehr allzu viel Zeit zusammen, da sie sich einen Tag nach meiner Ankunft schon wieder auf den Weg nach Beijing gemacht haben, um ganz bald Richtung Heimat zu fliegen und ins schöne Leipzig zurückzukehren.
Nach der umsorgten Ankunft ging es für mich direkt weiter zur Uni, wo ich vorhatte, mich anzumelden und all den bürokratischen Kram zu erledigen. Lustigerweise blieb der CSC sich treu und hatte es noch nicht geschafft, meine Unterlagen an das Overseas Office weiterzuleiten. Um mich scheinbar etwas schockiert dreinblickende Ausländerin zu beruhigen, sagte die nette Frau vom Büro "Keine Sorge, die sind sicherlich schon an der Uni angekommen, nur eben noch nicht unserem Büro". Sie sagte mir, ich solle am nächsten Tag wiederkommen (verbesserte sich dann aber direkt und bestellte mich für übermorgen).
Zwei Tage später war ich also noch einmal da und konnte mich tatsächlich registrieren. Ich musste direkt ein Konto bei einer chinesischen Bank einrichten, um an einen Teil des Stipendiumgeldes heranzukommen, und mich im Exit and Entry Center melden, wo jetzt gerade auch noch mein Reisepass liegt, denn ich dann am 5. September abholen soll (und in dem dann mein Visum bis Ende Juli 2012 gedruckt sein wird, juhu). By the way, das Gesundheitszeugnis brauchte ich nicht! Und manch andere Person auch nicht. Ich weiß aber nicht, nach welchen Kriterien sie das entscheiden, weil es manche brauchen, und manche nicht. Naja, mir solls egal sein, bin natürlich froh drüber, mich damit nicht auch noch befassen zu müssen. Es ist nur ärgerlich, dass ich es in Deutschland unnötigerweise erledigt hatte...
Der Einstufungstest, der entscheidet, auf welchem Sprachlevel sie mich einordnen, ist am 31. August, der Unterricht beginnt erst am 5. September, insofern habe ich noch einige Tage Zeit, mich hier einzuleben, Menschen kennenzulernen und Chengdu unsicher zu machen.
Mit meinem Zimmer hier im Wohnheim bin ich ziemlich zufrieden. Da das Ausländerwohnheim von diesem Campus hier (die Sichuan Uni hat drei Campi) vor kurzem abgerissen wurde und der Wiederaufbau bis mindestens Anfang nächsten Jahres dauern soll, werden die ausländischen Studenten entweder hier (wo ich nun wohne) untergebracht, oder (und das ist der größere Teil) auf den anderen Campi oder außerhalb der Uni. Mein Name stand zufälligerweise auf der "richtigen" Liste und so konnte ich meinen Kram hier auspacken, was perfekt ist: Das Unterrichtsgebäude ist nicht weit weg, ich bezahle nichts für das Zimmer und der Campus hier ist eh toll. Das Zimmer an sich ist auch okay, es ist ein Zweibettzimmer, relativ geräumig, mit eigenem Bad (sogar Badewanne!).
Richtig super ist auch, dass ich eine Menge Krams von Wieland und Malina übernehmen konnte. So bin ich dafür, dass ich erst so kurz hier bin, schon perfekt mit Geschirr, Besteck, vielen vielen Karten von Chengdu und Umgebung, viel viel Tee, Chengdu Magazinen, Büchern, Wäscheaufhängdings, Cremes (Öko aus Deutschland, ohne Bleichmittel^^), Reiskocher, einer Pflanze, echtem Kaffe.... ausgestattet. Das Tollste ist natürlich, dass ich Malinas Fahrrad übernehmen konnte. Das Kleine 自行车, dessen Sattel ich mir direkt bei einer Werkstatt habe höher schrauben lassen, besitzt einen wunderbar praktikablen Fahrradkorb vorne dran und hat mein Herz eh schon gewonnen.
Ich merke schon jetzt, wie mich das Leben in China verändert: ich versuche mich mehr und mehr nach dem daoistischen Prinzip des 无为 (nicht aktiv versuchen, in den Lauf der Dinge einzugreifen, sondern die Dinge nehmen, wie sie kommen) auszurichten, weil das ungemein viel Stress, Ärger und Sorgen erspart. Sowieso mag ich an China, dass man vieles einfach nicht so konkret planen kann und dadurch jegliches Handeln viel mehr Spontaneität gewinnt. Und sowieso: Wie sehr alles, alles, alles eine Frage der Einstellung ist, merke ich jeden Tag. Finde ich 15 Stunden Zugfahrt viel, weil ich bisher noch nie so lange Zug gefahren bin, oder finde ich es wenig, weil man innerhalb China noch weitaus längere Strecken zurücklegen kann? Finde ich den nächsten großen Supermarkt weit entfernt, weil "um die Ecke" nicht so wörtlich zu nehmen ist wie in Deutschland, oder finde ich ihn nah, weil ich ihn innerhalb von 20 Minuten Fußmarsch erreichen kann? Wenn man sich eine Karte von Chengdu (oder anderen chinesischen Städten) anschaut, denkt man zunächst oft: "ach, da kann ich flott hinlaufen, das ist ja um die Ecke" und dann wundert man sich nach einer Weile und einem zweiten Blick auf die Karte, dass man noch nicht einmal die Hälfte des Weges hinter sich gelegt hat.
Und was die Menschen hier und das Verhalten ihren Mitmenschen gegenüber betrifft: Es ist wahr, dass man hier viel Ellenbogenkämpfe, Ignoranz und Egoismus erleben kann, genauso sehe ich jedoch Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Wärme und Offenheit. Insofern finde ich es hier bisher menschlich nicht "schlimmer" als in Deutschland. Ignoranz erlebe ich daheim ebenso. Es ist eine Frage der Perspektive und eine Frage dessen, was man sehen möchte. Man sollte sich kein Bildnis machen und Schubladendenken beginnen, sondern offen bleiben für alles. Ich strebe nicht an, China und "die" Chinesen mit einer rosaroten Brille wahrzunehmen. Ebenso wenig betreibe ich Schwarzmalerei.
Je länger ich in China bin, desto glücklicher bin ich übrigens stets über mein Dasein als Vegetarierin: So stehe ich nicht vor der Entscheidung, ob ich Hasenköpfe, Hühnerfüße oder Fischaugen probieren sollte.
Einer der Lotusteiche am Campus: