chengdu wildlife

17.09.2011 um 08:08 Uhr

Regentag

Grenzen werden neu gesteckt, das Befürnis, alles benennen zu können, wird kleiner.

Am Ende zählt: Die Fähigkeit, zu eigenen Entscheidungen zu stehen. Einzusehen, dass ich aus meinem Leben machen kann, was in meiner Macht und meinem Willen liegt und das andere es zwar beeinflussen können, ich mich davon aber nicht bestimmen lassen muss.

Da kam jemand unangekündigt aus Peking und wollte ihr Herz zurück. Aber dann auch wieder nicht zu einhundert Prozent, weil er die Vernunft und die Angst nicht loslassen kann. Er rief an und sagte: ich bin in Chengdu. Sie glaubte es nicht, aber er war wirklich da. Alles lief erneut verrückt und da er hinsichtlich des Treffens von Entscheidungen unfähig ist, traf dieses Mal sie die Entscheidung.

Chengdu fängt gleich an zu schwimmen und trotz der enormen Wassermengen, die bald das Wohnheim mit sich tragen werden (ich weiß nicht wohin, lasse mich überraschen), ist heute Nachmittag ein Einkaufsbesuch im Buchladen geplant.

Bücher berichten von Wahrheiten, und der Grund, warum ich für "Stiller" so lange gebraucht habe, ist, dass ich zwischendurch immer wieder über das gerade Gelesene nachdenken musste. Ich finde, in diesem Buch stecken viele Wahrheiten und viele "Weisheiten", denen man zustimmen kann. Die Idee, die hinter diesem Roman steckt, ist berauschend und gar nicht abwegig. Im Prinzip könnte man stets ein neues Leben beginnen. Unter der Voraussetzung, die Fäden loslassen zu können...aber wer kann das? Und wie lange braucht es, damit man selbst an das glaubt, was man andere glauben machen will? Kann der Kern sich entfalten und dann auch noch natürlich sein? Nicht so, dass man es anfasst und fühlt, es ist nur Plastik, meine ich.

Kunstblumen, was haben sie für einen Sinn? Was gibt es Ekelhafteres, als die Natur in ihren schönsten Punkten nachahmen zu wollen und dabei so absolut unabwendbar zu versagen?

Momentan ist es übrigens die Farbe grün, die bezaubert: grüne Äpfel, mehrmals am Tag. Der grüne Tee in meinem Teeglas. Der Blick aus unserem Wohnheimzimmerfenster (rundherum so viel grün und Baumgeflecht, dass es hier immer recht dunkel ist - aber mit dem Hintergrund stört das auch nicht). Mein grünes "Roots&Shoots" T-Shirt, da ich ab kommender Woche wieder Praktikantin dort bin. Ein neuer Pullover. Und sowieso: ein leckeres Gericht aus grünen Bohnen (干煸四季豆).

Da, wo sich das Auto spiegelt, beginnt der See:

 

 

10.09.2011 um 06:24 Uhr

Der ganz normale Alltag

Niemals wieder wird es so einfach sein wie zuvor, in Deutschland zu leben und damit zufrieden zu sein, nicht ständig wegzuwollen.

Zwar haben die beiden vorherigen China-Aufenthalte mir schon ganz und gar klar gemacht, dass ich wiederkommen werde, aber sie waren doch, im Vergleich zu jetzt, irgendwie noch mehr Reinschnuppern und Urlaub, als wirkliches Leben. Leben, damit meine ich in diesem Kontext einfach Alltag. Klar hatte ich auch die letzten Male eine Art Alltag, aber es war von Anfang an klar, wie begrenzt meine Zeit sein würde, wie wenig ich die Chance hätte, wirklich einzutauchen, ohne demnächst mal wieder an die Oberfläche zu müssen.

Jetzt habe ich aber genau dieses Gefühl. Ich kann mich vollkommen einlassen auf ein einerseits vollkommen anderes und dann wiederum doch so normales Leben hier, in China, in Chengdu. Das ist auch etwas, worüber ich mir in den letzten Tagen Gedanken gemacht habe: Wie komisch ich es in gewisser Weise finde, dass ich hier einfach so ganz normal lebe und mich dabei gar nicht seltsam fühle. Wie einfach es im Grunde ist, überall auf der Welt so einen stinknormalen Alltag zu finden, der Rahmen und Sicherheit bietet.

Sicherheit vor allem deshalb, weil der Alltag vor Unruhe bewahrt. Die Begrenzung, die es ja doch gibt, durch das eine Jahr, ist so weit gefasst, dass ich nie das Gefühl habe, ich müsse mich in irgendeiner Art und Weise überfordern mit Erlebnissen, Ausflügen und Erfahrungen. Alles spielt sich langsam ein und schafft eine alltägliche Balance aus Unterricht und Freizeit, aus lernen und entspannen, aus spannenden Ausflügen und zu Hause rumhängen, aus Gedankenlosig- und Tiefsinnigkeit. Nie gibt es Selbstvorwürfe, an einem Tag nichts unternehmen zu wollen, weil die Unternehmungen demnächst noch genauso zu haben sein werden. Nie gibt es ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, zu wenig gelernt zu haben, weil das Lernen nur ein Bruchstück des ganzen Alltagspuzzles ist, nichts bestimmt, nichts begründet und ich zudem so viel Zeit habe, zu lernen. Lernen, im weiteren Sinne.

In dem Heft, das Malina mir lieberweise mit Tips, Adressen und Nummern bestückt hat, schrieb sie auf die erste Seite einen Satz, der, ohne dass ich es in irgendeiner Weise angestrebt hätte, zu meinem Lebensmotto geworden ist:

每一次旅行的意义是回到中心。(In every journey the meaning is to return to the center.) 

Ich bin fasziniert. 

  

07.09.2011 um 16:33 Uhr

3x3=9 neun Kommentare

Eindrucksvoll: irre laute Gewitter mit besserer Luft hinterher. Es ist gar "kühl", ich trage eine lange Hose und Socken mit Schuhen darüber. Ich sitze bei offenem Fenster am Schreibtisch und ab und zu läuft mir ein Schauer mit Gänsehaut über die Arme. Man kann in Pfützen springen, wenn man möchte.

Nervig: fragt man drei Chinesen, bekommt man drei verschiedene Antworten. Keine Pauschalisierung, sondern persönliche Erfahrung. Ein Grund: Zu sagen "Entschuldigung, das weiß ich leider nicht", bedeutet Gesichtsverlust. Andere kenne ich nicht. Vieles werde ich nie verstehen.

Gefährlich: Klimaanlagenluft bei duschnassem Haar.

Lecker: Mangos in jeder Form (frisch, getrocknet, als Smoothie) und zwar täglich.

Komisch: gefragt zu werden, ob jemand ein Foto von einem machen darf, weil man so hübsch sei (weil man blonde Haare hat).

Erfreulich: Chinesisch-Fortschritte schon nach so kurzer Zeit.

Toll: meine Klasse mitsamt Lehrerinnen.

Beruhigend: ChinesInnen, die aus dem Raster fallen, die überraschen.

Faszinierend: teahouse rhythm and life blues.

 

05.09.2011 um 16:27 Uhr

was bleibt

留给我们的只有记忆。

Was uns bleibt, ist nur die Erinnerung. 

04.09.2011 um 10:44 Uhr

Große Buddhas und Große Pandas

Mittlerweile habe ich mich ganz gut in meinem neuen Zuhause eingelebt. Meine Zimmernachbarin Hanka aus Tschechien ist ein lieber Mensch und deshalb denke ich sogar, dass es besser ist, sie hier zu haben, als alleine zu sein. Eine nette Dreiergruppe bildend, ist noch Felix (ein Deutscher) zu uns gestoßen, der nur einen Stock über uns wohnt. Coolerweise stehen die beiden sehr auf vegetarisches Essen und so muss ich nie ein "schlechtes Gewissen" haben, wenn beim Essen im Restaurant kein Fleischgericht dabei ist.

Nach dem Einstufungstest für den Chinesisch-Unterricht hat sich herausgestellt, dass ich wohl am ehesten auf das 中二Level gehöre (es gibt 初(Anfänger), 中(mittleres Level) und 高(weit fortgeschritten), welche jeweils nochmal in 3 oder 4 Stufen unterteilt sind). Ich bin also auf der 2. Stufe (von 3) des mittleren Levels. Zwar hatte ich mir insgeheim erhofft, schon etwas weiter zu sein, jedoch kann man innerhalb der ersten Unterrichtswoche noch wechseln, falls man ein niedrigeres oder höheres Level für passender erachtet.

Am Donnerstag sind wir nach 乐山Leshan gefahren, welches etwa 130 km südlich von Chengdu liegt und mit dem Bus in 2-3 Stunden zu erreichen ist. Die absolute Attraktion dort ist natürlich die größte Buddha-Statue der Welt, die wir uns unbedingt zu Gemüte führen mussten. Nach dem 90 Jahre andauernden Bauprozess, beginnend im Jahre 713, ist der Buddha mit seinen 71 Metern Höhe schon eine beeindruckende Gestalt. Was störend war (und sowieso immer wieder überall störend sein wird), waren die Mengen an Touristen, die die gleiche Idee hatten wie wir. Einerseits darf man natürlich nicht meckern, wenn man selbst so touristenmäßig mit Kamera und staunenden Blicken herumläuft. Andererseits nimmt dieses Überlaufensein doch vielen Dingen ihren besonderen Reiz. Insofern hoffe ich, in meinem Jahr hier noch an einige Orte zu kommen, die weniger bekannt und weniger besucht sind. Aber nun ja, bei der größten Buddha-Statue der Welt - um es noch einmal zu erwähnen - darf man sich natürlich auch nicht wundern, diesen Anblick nicht allein genießen zu dürfen. 

Trotz des Punktabzuges durch den Tourismus war es aber ein netter Ausflug. An der Busstation von Leshan, wo wir angekommen waren, hatte sich noch ein Herr älteren Jahrgangs aus Chile zu uns gesellt, den wir dann bis zum Abschied in Chengdu bei uns hatten und der ein ruhiger und sehr netter Zeitgenosse war.

Um mal zum Unappetitlichen zu kommen: ich schwitze hier dermaßen, ich wunder mich schon immer, wo das alles herkommt. Der Buddha-Trip war der bisherige Schweiß-Höhepunkt. Man konnte vom Buddha-Kopf aus auf einer schmalen Treppe seitlich zu seinen Füßen hinunterlaufen. 70 Höhenmeter also. Nichts. Und dann musste man das natürlich früher oder später auch wieder hochlaufen. Oben angekommen hatte ich mindestens 3 Kilo Wasser verloren.

Für den Rückweg zur Busstation haben wir kein Taxi genommen, sondern sind erst einmal einige Kilometer gelaufen und setzten uns dann in ein Restaurant. Die Besitzer waren unheimlich freundlich und haben uns natürlich auch in ihren besten Raum geschoben (mit einem dieser tollen Drehtische und zu viel Platz für uns vier). Erhitzt durch die Bewegung und eh auch durch die Hitze (logisch) hat uns die Klimaanlage erstmal ziemlich geschockt. Ich hab ihnen gesagt, sie sollen sie ganz ausstellen. Anscheinend war das so unüblich, dass sie erst einmal nicht kapiert haben, was ich wollte. Ich hab ihnen dann einfach erzählt, wir Ausländer seien das nicht gewohnt und würden von diesen Schwankungen ganz schnell krank werden, dann wurde sie abgedreht und es war angenehm. 

Wir sind dann in einen Bus gesprungen, der des Weges kam. Der Busfahrer hielt auch sein Wort und brachte uns zurück zur Busstation, was zwar viel länger dauerte als mit dem Taxi, dafür aber auch interessanter war. Zudem hatten wir auf dem Hinweg einen irren Taxifahrer erwischt. Ich bin ja nicht mehr vollkommen unerfahren, was den chinesischen Verkehr betrifft, und mir ist klar, dass Regeln da sind, um gebrochen zu werden und die ewige Huperei sowieso als Allheilmittel angesehen wird. Aber der, also DER, nein nein. Der war verrückt. Er ist schneller gefahren, hat mehr gehupt (durchgehend), hat waghalsigere Überholmanöver und krassere "Abkürzungen" unternommen, als ich es bisher erlebt hatte. Wir sind natürlich heile angekommen, beim Buddha. Aber er war ganz nah dran meine Toleranzgrenze bezüglich gefährlicher Fahrweise zu überschreiten.

Gestern waren wir im Panda-Zentrum in Chengdu. Dort stießen wir dann bereits zu Anfang auf den auch weiterhin auffindbaren Hinweis, dass die Pandas bei zu heißem Wetter drinnen in ihren klimatisierten Ställen bleiben müssten. Erst konnten wir uns das schwer vorstellen, aber da sie in freier Natur im Sommer im Gebirge auf 3000-4000 Höhenmetern leben, wo es natürlich nicht so heiß wird, kommen sie mit dem Chengduer Sommer tatsächlich nicht so gut zurecht. Wir konnten das dann auch direkt beobachten: Als wir an einem der Außengehege ankamen, sahen wir gerade noch, wie ein Panda im Inneren verschwand. Wir zeigten Geduld, denn wir sahen die Bären dort drinnen immer vor der Tür herumwandern. Hin und wieder kam auch einer raus - und kehrte sofort wieder um. Manchmal kam auch einer mit den Hinterfüßen zuerst heraus, was drollig anzuschauen war. Jedenfalls wollten sie ganz offenbar und verständlicherweise aus ihrem Innengehege raus ins Grüne, mussten jeoch unglücklicherweise nach den ersten Bärentatzenschritten an der frischen Luft feststellen, dass es zu heiß war.

 Was aber sehr schön war, waren die beiden Aufzuchtstationen. Immerhin haben die Mitarbeiter des Panda-Zentrums ja nicht einfach ein paar Pandas eingefangen, um sie dort zur Schau zu stellen, sondern versuchen viel, um die nur noch wenige Tiere umfassende Population durch Neuzuwachs zu stützen. (Dass der Mensch zum nicht unerheblichen Teil dafür verantwortlich ist, dass es immer weniger werden, und dass die Auswilderung von Pandas eine schwierige Angelegenheit ist, die selten funktioniert, ist wieder eine andere Sache.) Die Babies jedenfalls waren unglaublich süß, sie lagen wie Menschenbabies in Brutkästen und haben geschlafen, wobei sie plötzlich zusammenzuckten oder sich seltsam verrenkten. Wir konnten auch miterleben, wie einer der verantwortlichen Mitarbeiter einem kleinen Panda-Baby den Darm entleerte. Was auch empfohlen wird, wenn Menschen an Verstopfung leiden, funktionierte hier im Schlaf: Er stimulierte den Unterleib der Kleinen, woraufhin auch bald A-a und Pipi hinauskamen. Und das mit dem Schlaf war sehr wohl wörtlich gemeint, denn sie merkte vermutlich nichts davon, sondern schlief tief und unbetroffen weiter.

Was ich nicht unerwähnt lassen möchte, ist natürlich die kleine Theatergruppe, die uns aufgenommen hat. Vor kurzem waren Felix, Hanka und ich in dem Wohnviertel unterwegs, in dem Wieland und Malina gewohnt hatten. Sogleich kam eine Traube älterer Chinesen auf uns zu und wollte wissen, ob wir die Ausländer wären, die dort oben wohnten. Ich klärte es auf, und als sie hörten, dass wir chinesisch sprechen "können", nahmen sie uns sofort mit. Sie proben momentan ein kleines Stück, das sich mit der alten chinesischen Kultur befasst und brauchten dafür noch ein paar Ausländer. Da sie so herzlich und lieb waren, haben wir ihnen ohne zu überlegen unsere Unterstützung zugesichert. Wir hatten seitdem schon zwei Proben, die zwar anstrengend, aber ungemein amüsant waren. Unsere Rolle ist auch nur ganz kurz und einfach: Wir kommen hinzu, als der alte Gelehrte einer Horde von Kindern ein paar Verse beibringt, dann sage ich: "Sehr geehrter Herr, wir schätzen die alte Kultur Chinas sehr, es wäre schön, wenn Ihr sie uns lehren könntet." Und dann bringt er uns einen Satz aus dem konfuzianischen Werk Lunyu bei, den wir nachsprechen. Der Satz lautet: 有朋自远方来不亦乐乎 (auf deutsch ungefähr: Wenn Freunde aus der Ferne zu uns kommen, ist das nicht eine Freude?). Das sagen wir einige Male und verschwinden dann wieder im Background, mit Kindernhänden an den eigenen. 

Ich bin unheimlich froh, mich hier einigermaßen verständigen zu können. Man merkt in allen möglichen Situationen, dass man einfach so viel offener und freundlicher behandelt wird, wenn man chinesisch spricht. Und natürlich bekommt man auch viel mehr vom Geschehen um einen herum mit.

Lieblingsfoto von einer Probe:

  

 

 

 

04.09.2011 um 06:33 Uhr

Was mich beschäftigt

Aus Max Frisch, Stiller: 

Ferner blickte ich gerade auf einen braunen, ziemlich hellen und sehr schönen Mädchenhals mit einer Unmenge von weißem Puder darauf. (Ach, diese Sehnsucht, weiß zu sein, und diese Sehnsucht, glattes Haar zu haben, und diese lebenslängliche Bemühung, anders zu sein als man erschaffen ist, diese große Schwierigkeit, sich selbst einmal anzunehmen, ich kannte sie und sah nur eine eigene Not einmal von außen, sah die Absurdität unserer Sehnsucht, anders sein zu wollen, als man ist!)...

26.08.2011 um 18:00 Uhr

Chengdu Wildlife, finally

Da ich es nun geschafft habe, doch wieder zu schreiben, veröffentliche ich auch nochmal die Rundmail, bevor ich meine Berichterstattung fortsetze.

Die Zugfahrt von Shanghai hierher war viel weniger schlimm als befürchtet, die Hardseater sind wohl tatsächlich im Schnellzug weniger hart als üblich, und zudem hatte ich mich mit der Fahrtzeit vertan: nur 15 Stunden anstelle von 17 Stunden war ich unterwegs. Ich war sogar in einem 6er Abteil untergebracht, welches quasi wie ein Schlafwagen war, nur dass man auf den "Betten" nicht lag, sondern saß. Die unteren Betten waren zum Sitzen, die oberen fürs Gepäck. Einer meiner Mitfahrer war jedoch so klug, sich gleich zu Anfang einen Platz auf einem der oberen Betten zu sichern, sodass er dort des nachts in Ruhe schlafen konnte.

Meine übrigen Mitfahrer waren eine chinesische Familie mit Oma, Mama, Papa, Tochter und Sohn. Alle waren sehr nett und deshalb hat es mich auch wenig gestört, dass sie üblicherweise recht laut waren. Das ist ohnehin ein krasser Unterschied, den ich hier zu Deutschland wahrnehme: Bei uns versucht man in der Öffentlichkeit eher, nicht zu sehr aufzufallen, man gibt sich zurückhaltend, möchte die anderen nicht "stören", vor allem nicht in sehr begrenzten Räumen wie Bus, Straßenbahn und Zug. Die Chinesen dagegen juckt das zum Großteil überhaupt nicht, die sind (für mein Empfinden) immer relativ laut und niemand scheint sich daran zu stören. Die Familie in meinem Abteil hat mich aber auch nicht gestört, zudem war die Kleine (drei oder vier Jahre alt) unheimlich niedlich und aufgeweckt. Am Anfang zog sich die Zeit doch ganz schön, je länger wir unterwegs waren, desto schneller schien sie jedoch zu verfliegen; als es schließlich morgens um sechs war, ging alles ganz fix und dann waren wir auch schon in Chengdu angekommen.

Um den gerade angefangenen Tag so gut weiterzuführen, wie er angefangen hatte, wurde ich am Bahnhof von Wieland abgeholt, der mich zu einem leckeren Frühstück in seine und Malinas Wohnung brachte. Es war sehr schön, in dieser neuen Stadt, in der ich erst einmal ganz allein war, bald bekannte Gesichter zu sehen. Leider hatten wir nicht mehr allzu viel Zeit zusammen, da sie sich einen Tag nach meiner Ankunft schon wieder auf den Weg nach Beijing gemacht haben, um ganz bald Richtung Heimat zu fliegen und ins schöne Leipzig zurückzukehren. 

Nach der umsorgten Ankunft ging es für mich direkt weiter zur Uni, wo ich vorhatte, mich anzumelden und all den bürokratischen Kram zu erledigen. Lustigerweise blieb der CSC sich treu und hatte es noch nicht geschafft, meine Unterlagen an das Overseas Office weiterzuleiten. Um mich scheinbar etwas schockiert dreinblickende Ausländerin zu beruhigen, sagte die nette Frau vom Büro "Keine Sorge, die sind sicherlich schon an der Uni angekommen, nur eben noch nicht unserem Büro". Sie sagte mir, ich solle am nächsten Tag wiederkommen (verbesserte sich dann aber direkt und bestellte mich für übermorgen).

Zwei Tage später war ich also noch einmal da und konnte mich tatsächlich registrieren. Ich musste direkt ein Konto bei einer chinesischen Bank einrichten, um an einen Teil des Stipendiumgeldes heranzukommen, und mich im Exit and Entry Center melden, wo jetzt gerade auch noch mein Reisepass liegt, denn ich dann am 5. September abholen soll (und in dem dann mein Visum bis Ende Juli 2012 gedruckt sein wird, juhu). By the way, das Gesundheitszeugnis brauchte ich nicht! Und manch andere Person auch nicht. Ich weiß aber nicht, nach welchen Kriterien sie das entscheiden, weil es manche brauchen, und manche nicht. Naja, mir solls egal sein, bin natürlich froh drüber, mich damit nicht auch noch befassen zu müssen. Es ist nur ärgerlich, dass ich es in Deutschland unnötigerweise erledigt hatte...

Der Einstufungstest, der entscheidet, auf welchem Sprachlevel sie mich einordnen, ist am 31. August, der Unterricht beginnt erst am 5. September, insofern habe ich noch einige Tage Zeit, mich hier einzuleben, Menschen kennenzulernen und Chengdu unsicher zu machen. 

Mit meinem Zimmer hier im Wohnheim bin ich ziemlich zufrieden. Da das Ausländerwohnheim von diesem Campus hier (die Sichuan Uni hat drei Campi) vor kurzem abgerissen wurde und der Wiederaufbau bis mindestens Anfang nächsten Jahres dauern soll, werden die ausländischen Studenten entweder hier (wo ich nun wohne) untergebracht, oder (und das ist der größere Teil) auf den anderen Campi oder außerhalb der Uni. Mein Name stand zufälligerweise auf der "richtigen" Liste und so konnte ich meinen Kram hier auspacken, was perfekt ist: Das Unterrichtsgebäude ist nicht weit weg, ich bezahle nichts für das Zimmer und der Campus hier ist eh toll. Das Zimmer an sich ist auch okay, es ist ein Zweibettzimmer, relativ geräumig, mit eigenem Bad (sogar Badewanne!).

Richtig super ist auch, dass ich eine Menge Krams von Wieland und Malina übernehmen konnte. So bin ich dafür, dass ich erst so kurz hier bin, schon perfekt mit Geschirr, Besteck, vielen vielen Karten von Chengdu und Umgebung, viel viel Tee, Chengdu Magazinen, Büchern, Wäscheaufhängdings, Cremes (Öko aus Deutschland, ohne Bleichmittel^^), Reiskocher, einer Pflanze, echtem Kaffe.... ausgestattet. Das Tollste ist natürlich, dass ich Malinas Fahrrad übernehmen konnte. Das Kleine 自行车, dessen Sattel ich mir direkt bei einer Werkstatt habe höher schrauben lassen, besitzt einen wunderbar praktikablen Fahrradkorb vorne dran und hat mein Herz eh schon gewonnen.

Ich merke schon jetzt, wie mich das Leben in China verändert: ich versuche mich mehr und mehr nach dem daoistischen Prinzip des 无为 (nicht aktiv versuchen, in den Lauf der Dinge einzugreifen, sondern die Dinge nehmen, wie sie kommen) auszurichten, weil das ungemein viel Stress, Ärger und Sorgen erspart. Sowieso mag ich an China, dass man vieles einfach nicht so konkret planen kann und dadurch jegliches Handeln viel mehr Spontaneität gewinnt. Und sowieso: Wie sehr alles, alles, alles eine Frage der Einstellung ist, merke ich jeden Tag. Finde ich 15 Stunden Zugfahrt viel, weil ich bisher noch nie so lange Zug gefahren bin, oder finde ich es wenig, weil man innerhalb China noch weitaus längere Strecken zurücklegen kann? Finde ich den nächsten großen Supermarkt weit entfernt, weil "um die Ecke" nicht so wörtlich zu nehmen ist wie in Deutschland, oder finde ich ihn nah, weil ich ihn innerhalb von 20 Minuten Fußmarsch erreichen kann? Wenn man sich eine Karte von Chengdu (oder anderen chinesischen Städten) anschaut, denkt man zunächst oft: "ach, da kann ich flott hinlaufen, das ist ja um die Ecke" und dann wundert man sich nach einer Weile und einem zweiten Blick auf die Karte, dass man noch nicht einmal die Hälfte des Weges hinter sich gelegt hat.

Und was die Menschen hier und das Verhalten ihren Mitmenschen gegenüber betrifft: Es ist wahr, dass man hier viel Ellenbogenkämpfe, Ignoranz und Egoismus erleben kann, genauso sehe ich jedoch Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Wärme und Offenheit. Insofern finde ich es hier bisher menschlich nicht "schlimmer" als in Deutschland. Ignoranz erlebe ich daheim ebenso. Es ist eine Frage der Perspektive und eine Frage dessen, was man sehen möchte. Man sollte sich kein Bildnis machen und Schubladendenken beginnen, sondern offen bleiben für alles. Ich strebe nicht an, China und "die" Chinesen mit einer rosaroten Brille wahrzunehmen. Ebenso wenig betreibe ich Schwarzmalerei.

Je länger ich in China bin, desto glücklicher bin ich übrigens stets über mein Dasein als Vegetarierin: So stehe ich nicht vor der Entscheidung, ob ich Hasenköpfe, Hühnerfüße oder Fischaugen probieren sollte.

Einer der Lotusteiche am Campus:

  

 

23.08.2011 um 05:39 Uhr

Straßenverkehr

Aus meiner jetzigen Perspektive war ich, glaube ich, im Beijinger Straßenverkehr immer etwas leichtsinnig. Ich habe mir einfach gedacht: Wenn sich hier sowieso niemand an die Verkehrsregeln hält, dann mach ich das auch nicht. Und so bin ich mehr oder weniger unbedacht über die Straßen gelaufen, meistens hab ich mich aber eh einer größeren Masse an Chinesen angeschlossen. Egal, ob sie bei rot oder grün rüberlaufen, in ihrer Mitte ist man eigentlich immer sicher.

Hier in Shanghai nehme ich den Verkehr krasser wahr und bin auch vorsichtiger geworden. Ich weiß nun nicht, ob es daran liegt, dass der Verkehr hier wirklich krasser ist, oder ob ich das Ganze einfach nur ein bisschen realistischer betrachte; ich bin nicht unsterblich. Jedenfalls gab es schon einige Situationen, in denen Nicole mich noch im letzten Moment am Arm gepackt oder eine laute Hupe mich aufgeschreckt hat. Nicole ist aber heute Morgen schon sehr früh abgereist und deshalb muss ich nun umso vorsichtiger sein.

Am schlimmsten sind die Rollerfahrer. Diese Dinger fahren überall: auf der Straße und auf den Gehwegen. Sie quetschen sich an Passanten vorbei und fahren abends/nachts auch zum Großteil ohne Licht, sodass sie plötzlich aus dem Nichts heraus auftauchen. Zwar dürfen Rechtsabbieger sowieso immer abbiegen, auch wenn die Fußgängerampel gerade auf grün steht (wichtige Regel!), aber die Rollerfahrer biegen nicht nur rechts ab, wenn man selbst grün hat, sondern fahren zum Teil auch einfach bei rot für sie geradeaus. Zumindest dann, wenn es sich nicht gerade um eine Kreuzung mit sehr viel Gegenverkehr handelt, in der sie sich in allzu große Gefahr begeben würden.

Von der alten Frau, deren Fuß von einem Rollerfahrer überrollt wurde, habe ich ja bereits erzählt. Es gibt aber noch eine andere alte Frau, die mir im Zusammenhang mit dem Shanghaier Verkehr in Erinnerung geblieben ist und vor der ich echt Respekt habe: Sie, ganz offensichtlich nicht mehr fit auf den Beinen, lief einfach langsam und wackelig mit ihrem Gehwägelchen mitten über eine riesige Kreuzung. Wirklich riesig. Für die Fußgänger gab es eigentlich eine große Überführung, damit man eben nicht über diese enorm breiten Straßen laufen musste. Neben den Treppen gab es auch auf jeder Seite Aufzüge, sie hätte sich den Risikotrip also auch sparen können. Vielleicht kennt jemand den Film "Mulan"; da gibt es eine Szene, in der die Großmutter ihre Glücksgrille zur Brust nimmt und mit geschlossenen Augen über eine stark befahrene Straße läuft. Daran musste ich beim Anblick der Frau in Shanghai sofort denken. Zwar war die Straße mehr oder weniger "frei", weil für die Autofahrer gerade rot war, aber die bereits genannten Rollerfahrer kümmert das ja eh nicht. Seht selbst:

22.08.2011 um 17:41 Uhr

Regen und Sonnenschein

Heute war der letzte Tag in Shanghai. Nachdem wir gestern tatsächlich außer fürs Mittag- und Abendessen inklusive kleinem Abendspaziergang das Zimmer nicht verlassen hatten, war der Energiespeicher heut dann wieder etwas voller.

Mehr oder weniger planlos sind wir dann gegen Mittag aufgebrochen, um irgendeinen Markt ausfindig zu machen, von dem Flo und Max geschwärmt hatten. Trotz Karte haben wir uns dann aus lauter Sorglosigkeit verlaufen - was aber auch nicht weiter schlimm war, da unser Ziel nicht allzu festgelegt war.

So, wie es viele viele Dinge gibt, die ich an und in China liebe, gibt es genauso Dinge, die ich nicht mag und sogar verabscheue. Gleich zwei davon sind uns heute über den Weg gelaufen.

Erstens: Wir gingen auf dem Fußgängerweg und erlebten mit, wie einen halben Meter von uns entfernt ein rücksichtsloser Rollerfahrer einer alten Frau (wirklich alt, sicherlich über 80) über den Fuß fuhr, sich nicht einmal umdrehte, sondern einfach davonbrauste. Die Frau war sprachlos, ihr Gesicht drückte Schmerz und Fassungslosigkeit aus. Ohne etwas sagen zu können, fasste sie sich lediglich immer wieder an den Fuß, den der Blödmann wohl wirklich voll erwischt hatte. Hilflos standen wir noch etwas herum, gingen dann aber weiter, als sich eine Chinesin der alten Frau annahm. 

Im Nachhinein habe ich schlechtes Gewissen, nichts getan zu haben. Beim Abendessen mit Ma Xin haben wir die Situation erläutert und sie gefragt, was wir am besten tun sollten, wenn uns noch einmal sowas passiert. Sie meinte, wir sollten uns das Nummernschild des Fahrers aufschreiben und die Polizei rufen. Komisch, bei uns (in Deutschland) wäre das so leicht: Einfach sofort den Krankenwagen rufen, warten, bis er kommt, und dann die Notärzte machen lassen. Hier jedoch, wo viele keine Krankenversicherung haben und derjenige, der den Krankenwagen ruft, dann auch oft für alles bezahlen muss (oder gar verantwortlich für das Geschehen gemacht wird), funktioniert der (für uns) übliche Handlungsablauf nicht. Immerhin, die Polizei zu rufen und somit doch noch irgendwie zu helfen, scheint auch eine Möglichkeit zu sein, bei der man nicht gleich selbst mittendrin steckt und zahlen muss. Ein anderer Weg ist, den Übeltäter mit mehreren Leuten aufzuhalten und zumindest mit der Polizei zu drohen, sodass man ihm wenigstens Geld für die ärztliche Versorgung abverlangen kann. Dafür braucht man aber auch erstmal mehrere Leute, die bereit sind, sich einzumischen.

Zweitens: Dass das Verhältnis zu Tieren in China ein anderes ist als in Deutschland, wusste ich schon seit meinen zwei Aufenthalten in Beijing. Mir war klar, dass ich auch jetzt wieder mit für mich schwer erträglichen Bildern rechnen muss. Heute war es dann auch schon soweit, wir sind nämlich auf dem Rückweg vom Antikmarkt an einem Tiermarkt vorbeigekommen. Ich kann das gar nicht so richtig in Worte fassen, es war jedenfalls schlimm für mich, so viele Tiere in viel zu großer Anzahl und viel zu kleinen Käfigen auf einem Haufen zu sehen. (Fotos davon im Album) Als ich durch die Gänge dort lief, dachte ich mal wieder an die NGO, bei der ich im Frühjahr in Beijing war und die auch in Chengdu einen Sitz hat. Sobald ich mich in Chengdu etwas eingelebt und zurechtgefunden habe, werde ich mich dort melden und versuchen, vielleicht einmal die Woche mitzuarbeiten, wenn ich darf. Die Wut und der Schmerz über das, was ich heute gesehen habe, bringen den Tieren auch nichts.

Desweiteren war der Tag aber auch mit schönen und lustigen Dingen gefüllt. Abends waren wir nochmal mit Ma Xin essen, und zwar in einem veganen Restaurant: sehr lecker, sehr günstig, sehr super. Echt unglaublich, was die hier in ihren vegetarischen/veganen Restaurants mit Tofu etc., anstellen, sodass der Geschmack dem von echtem Fleisch/Fisch teilweise so ähnlich ist, dass man wirklich glauben würde, man esse Fleisch/Fisch, wenn man es nicht besser wüsste. Die Füchsin hat es natürlich trotz unserer Einladung und der Beteuerung, dass auf jeden Fall WIR bezahlen, geschafft, die Rechnung zu begleichen, ohne dass wir es mitbekommen haben. Immerhin haben wir sie nach einem kleinen Spaziergang dann noch auf einen Milchtee (奶茶) eingeladen. Zum Glück konnten wir auch mit einigen Deutschland- und Leipzig-Fragen behilflich sein, denn sie wird ab Oktober für ein Semester an unserem Leipziger Institut arbeiten.

Außerdem bin ich endlich mal Zeugin der Schlafanzug liebenden Shanghaier geworden. Die laufen hier gerne mitten am Tag im Schlafanzug herum. Beim ersten google-check lief mir auch direkt dieser nette Artikel von 2008 aus dem Spiegel entgegen:

Shanghai will Pyjamas auf der Straße verbieten

Shanghai - Shanghais Behörden wollen den Einwohnern ihrer Stadt eine liebgewordene Angewohnheit austreiben: Im Schlafanzug durch die Straßen zu flanieren. Im nördlichen Stadtteil Rixin habe sich ein Nachbarschaftskomitee gegründet, um den Menschen richtiges Benehmen beizubringen, berichtete die amtliche "Jugendzeitung" am Freitag.

Im Pyjama auf der Straße herumzulaufen, sei einfach "unzivilisiert" und rücke die Stadt in ein schlechtes Bild, sagte Komiteemitglied Guo Xilin dem Blatt. Mancher Einwohner sieht das anders: "Pyjamas sind doch auch eine Art von Kleidung. Sie sind bequem, jeder trägt sie doch auf der Straße", sagte ein Rentner mit dem Nachnamen Ge der Zeitung. Die Gepflogenheit stammt noch aus der Ära, in der Shanghais Einwohner in Gemeinschaftsunterkünften lebten und keine Privatsphäre kannten. Ein hübscher Pyjama galt als Zeichen von Wohlstand, weil damit der Besitzer zeigte, dass er nicht in alten Lumpen schläft. Trotz zahlreicher Kampagnen halten die Menschen seit Jahrzehnten an diesem Brauch hartnäckig fest.

 

21.08.2011 um 17:11 Uhr

Fotos aus China

Nur mal kurz: Weil dieser Blog-Anbieter wie gesagt nur mäßig ist, gibt es hier nicht allzu viele Fotos. Dafür aber woanders. Ihr findet meine Fotos rechts bei der Link-Liste.

(Mich oder andere (aus der Nähe fotografierte) Leute werdet ihr dort aber vergeblich suchen. Ist mir zu öffentlich.)